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Interview

Expertin verrät: Wie wichtig ist Sinn im Beruf wirklich?

Sinn im Job
© iStock/JLco - Julia Amaral

Den Traumberuf zu finden, ist gar nicht mal so einfach. Die meisten von uns wünschen sich vermutlich nicht nur einen Job, der viel Geld bringt, sondern der sie auch erfüllt und sich sinnvoll anfühlt. Annika Schiefer ist Head of Product bei „Mein Mutiger Weg“. Sie hat ein Coaching mitentwickelt, dass Schüler*innen dabei hilft, den passenden Beruf zu finden. Wir haben sie auf dem People & Culture Festival in Berlin getroffen und mit ihr darüber gesprochen, warum es sich oft so anfühlt, als müsste man sich zwischen einem Job mit Sinn oder viel Gehalt entscheiden und darüber was die Gen Z bei der Berufswahl anders macht.

desired: Wir verbringen einen beträchtlichen Teil unserer Lebenszeit mit der Lohnarbeit. Kann es gut gehen, wenn man hier unglücklich ist und in seiner Arbeit keinen Sinn sieht?

Annika Schiefer: Eine langzeitig sinnlos erlebte Arbeit kann herausfordernd werden und sogar zu mentalen und physischen Problemen führen. Es ist jedoch wichtig zu betonen, dass es nicht nur um den Sinn an sich geht, sondern vor allem auch, ob wir im Einklang mit unseren eigenen Werten leben. Denn Sinn muss nicht unbedingt im Beruf gelebt werden. Ich kann beruflich auch eine Tätigkeit ausüben, die mir in erster Linie Geld bringt und dafür zu Hause meinen Sinn ausleben. Zum Beispiel dadurch, dass ich eine gute Mutter bin oder einem Ehrenamt nachgehe. Jedoch kann ein als sinnvoll empfundener Job, der nicht mit persönlichen Werten übereinstimmt, wie zum Beispiel in einem respektlosen Umfeld mit wenig Freiheit und Spaß, erheblichen Stress verursachen. Es ist somit möglich, dass es „gutgehen“ kann, also dass Menschen nicht krank werden, wenn sie ihr ganzes Leben lang keinen Sinn in der Arbeit sehen. Dabei spielen jedoch andere Faktoren eine Rolle, wie das Leben der eigenen Werte, die Resilienz und die soziale Einbindung.

Annika Schiefer
Annika Schiefer ist Head of Product bei „Mein Mutiger Weg“. (© Annika Schiefer)

In Berufen, die typischerweise als besonders sinnstiftend gelten, etwa weil sie einen hohen gesellschaftlichen Nutzen haben, ist oftmals die Bezahlung nicht sonderlich gut. Gibt es da einen Zusammenhang?

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Da gibt es mit Sicherheit viele Gründe. Einer besteht etwa darin, dass soziale Berufe in unserer christlichen Gesellschaft früher oft von den eigenen Familien ausgeführt wurden oder aber von Ordensschwestern, die ehrenamtlich halfen. Soziale Tätigkeiten waren dabei oft ein Akt der Selbstaufopferung und Nächstenliebe. Sie wurden gar nicht oder nur sehr schlecht bezahlt. Auch heute noch spielt dieser soziale Gedanke eine Rolle. Menschen, die diese Berufe ausüben, sind oft bereit, mehr zu geben und verlangen teils weniger „Schmerzensgeld“, weil sie ihre Arbeit als sinnvoll und wichtig empfinden. Zudem sind die Arbeitgeber hier oftmals öffentliche Einrichtungen, die nur beschränkte Ressourcen zur Verfügung gestellt kriegen.

Auf der anderen Seite sehen Menschen in sehr gut bezahlten Berufen, etwa in der Finanzbranche, im Management oder im Vertrieb laut einer Studie der Uni Zürich oft besonders wenig Sinn in ihrem Job. Kriegen die dann besonders viel „Schmerzensgeld“?

In solchen Berufen wird Erfolg oft an quantitativen Merkmalen gemessen. Wie viele Abschlüsse habe ich gemacht oder wie viel Umsatz habe ich erzielt? Das bringt natürlich auch Erfolgserlebnisse, ist am Ende aber nicht unbedingt etwas, das wirklich erfüllt. Das ergibt sich dann eher dadurch, dass ich sage: Hey, ich habe vielleicht auch etwas verkauft, wo ich Sinn dahinter sehe und einen Nutzen für die Gesellschaft bringt. Oder ich habe als Führungskraft nicht nur geguckt, dass meine Mitarbeitenden ihre Aufgaben machen, sondern, dass es dem Team gut geht. In solchen Berufen geht es letztendlich viel darum, dass man schaut: Was bedeutet für mich Sinn und wie kann ich meiner Arbeit einen Sinn verleihen?

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Ihr arbeitet viel mit Schüler*innen zusammen. Steht bei denen eher der Sinn oder das Geld im Vordergrund?

Die Gen Z legt tatsächlich viel Wert auf Geld und eine angemessene Bezahlung. Gleichzeitig gibt es aber diese riesige Bewegung, die sich für gesellschaftliche und Umweltthemen einsetzt. Man denke nur an Fridays For Future. Ich glaube der große Unterschied zu vorherigen Generationen ist, dass viele junge Leute sagen: Ich will etwas Sinnvolles machen, aber ich bin nicht bereit, dafür auf Geld zu verzichten. Sie wollen beides. Aber natürlich sind auch nicht alle Schüler*innen von heute eine homogene Masse und den einen ist Geld wichtiger, den anderen etwas Sinnvolles zu tun. Was jedoch fast alle gemein haben ist der Wunsch nach Flexibilität und Abwechslung und dafür wollen sie nicht finanziell zurückstecken.

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Was sind deine wichtigsten Tipps für junge Leute, die sich gerade in der Orientierungsphase befinden. Worauf sollten sie bei der Berufswahl unbedingt achten?

Das Wichtigste ist ganz klar, dass man sich mit sich selbst beschäftigt und rausfindet: Was sind meine Stärken, meine Werte, mein Sinn und was sind meine Interessen. Viele der Schüler*innen, mit denen wir sprechen, sind teilweise schon 17 oder 18 und können nicht ihre fünf größten Stärken aufzählen. Wie soll ich mich da für einen Beruf entscheiden? Zusätzlich ist es wichtig rauszugehen und verschiedene Dinge zu testen, anstatt nur online zu recherchieren, wie ein Beruf aussehen könnte. Durch praktische Erfahrungen erkennen wir noch mal deutlicher, ob ein Beruf zu uns passt oder nicht.

Wir erstellen mit den Schüler*innen außerdem Persönlichkeitsprofile, um anhand derer passende Berufe zu finden. Dafür nutzen wir seit kurzem auch ChatGPT, womit laut Aussagen der Coaches kein Berufstest bis jetzt mithalten konnte. Es wird eine große Bandbreite an verschiedenen Berufen vorgeschlagen und dabei auch wirklich auf die Persönlichkeitsprofile eingegangen. Somit würde ich Schüler*innen auf jeden Fall empfehlen, das auch selbst einmal zu testen.

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