Lary im Interview

„Es nervt, wie krass Feminismus kommerzialisiert wird“

„Es nervt, wie krass Feminismus kommerzialisiert wird“

Ehrlich, emotional, direkt, melancholisch: So lässt sich Lary vielleicht am besten beschreiben. Zumindest ist es ein Bild, das die Sängerin von sich vermittelt. Sie nimmt kein Blatt vor den Mund und sagt, was sie denkt, auch wenn sie damit anecken mag. Eine coole Frau, wie wir finden. Deshalb haben wir uns sehr gefreut, dass sie vor ihrem Akustik-Konzert am 25. Oktober in Berlin, das sie gemeinsam mit Airbnb für einen guten Zweck organisiert, noch Zeit für ein Interview mit desired gefunden hat. 

desired: Gemeinsam mit Airbnb veranstaltest du eine Airbnb Entdeckung und gibst ein exklusives Akustik-Konzert. Der Erlös der Karten geht zu 100 Prozent an die soziale Organisation Bikeygees, eine Organisation die kostenlos ehrenamtlich Radfahrtraining für (geflüchtete) Frauen und Mädchen anbietet. Wie bist du gerade auf den Verein gekommen und warum ist es dir persönlich wichtig, solche Vereine zu unterstützen?

Lary: Ich finde es cool, was die machen, weil es unmittelbar ist. Es gibt wahnsinnig viele Ecken, wo man helfen kann. Es gibt viele Vereine, die auch ähnliche Sachen machen, aber ich finde Bikeygees  so cool, weil sie direkt mit anpacken. Sie suchen sich etwas heraus und sagen: „Komm, hier können wir Leuten helfen, damit sie sich wohler fühlen und etwas lernen, was ihnen sonst fremd war oder sie sonst den Zugang nicht hatten.“ Gleichzeitig kommt man in den Austausch. Heutzutage gibt es so viele Möglichkeiten und man weiß oft gar nicht, wo man anfangen soll. Bei Bikeygees fühlt es sich so an, als hätte jemand gesagt: „ Ich hab jetzt eine Idee, das ziehen wir jetzt mal durch.“

Auf Airbnb Entdeckungen können Reisende wie Einheimische Erlebnisse gemeinsam mit anderen buchen und so ganz in die Welt des Gastgebers und des jeweiligen Ortes eintauchen. Was ist das Besondere an deiner Entdeckung, dem Boxclub Isigym in Berlin-Schöneberg?

Ich bin selber total gespannt, weil ich so etwas in der Form auch noch nicht gemacht hab. Der Boxclub ist auch sehr klein und intim. Und ich freue mich über die Location, weil es etwas mit mir zu tun hat, weil ich schon ewig boxe. Aber ich freue mich auch, weil es mal etwas anderes ist. Man ist so nah dran. Man hat direkt das Gefühl, dass es ein privaterer Rahmen ist und alle wissen, warum sie da sin. Alle haben etwas für den guten Zweck getan. Ich glaube, dadurch können wir eine ganz intime Atmosphäre kreieren, auch für die Songs.

Airbnb Konzerte sind exklusive Entdeckungen, die in einem kleinen, intimen Kreis stattfinden. Im Mittelpunkt steht die Live-Musik und die Veranstaltungsorte der Konzerte sind stets unkonventionell und besonders gewählt. Moderiert werden die Konzerte von Experten mit fundiertem Musikwissen. Die Entdeckungen sind normalerweise für maximal 50 Gäste ausgelegt und kosten zwischen 25 und 30 Euro.

Eindrücke: So war der Abend im Boxclub mit Lary und Airbnb

Eindrücke: So war der Abend im Boxclub mit Lary und Airbnb
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Dein neues Album „hart fragil“ ist sehr melancholisch. Nehmen deshalb viele Menschen, die dich zum ersten Mal treffen an, dass sie dich zart anpacken müssen?

Ne, nicht wirklich. Ich bin sowieso jemand, den man auf den ersten Blick falsch einschätzt oder nicht richtig einschätzen kann. Die meisten Leute wissen nicht wirklich, was sie erwartet oder haben eine Erwartung, die nicht erfüllt wird. Man sieht nur das Äußere und Instagram und irgendwas Schillerndes. Gleichzeitig hört man dann aber das Album, das oft zerbrechlich ist. Meistens begegnen mir die Leute eher mit einer Art Vorfreude und fragen sich, was ist sie denn jetzt eigentlich für eine? Das glaube ich eher. Wir denken oft, dass wir Leute anhand ihres Instagram-Profils einschätzen könnten, was totaler Quatsch ist, weil da jeder nur das zeigt, was er zeigen möchte.

Woher kommt der Titel deines neuen Albums „hart fragil“?

Ich habe dieses Album in einer Phase geschrieben, in der ich Hin und Her gerissen war und immer das Gefühl hatte, dass ich mich zwischen gegensätzlichen Charaktereigenschaften entscheiden muss. Und ich hab mich dann dazu entschieden, mich nicht zu entscheiden. Dann ist mir aufgefallen, dass mein ganzes Album das in sich trägt. Egal, bei welchem Song. Es geht immer darum, dass man zwei oder mehrere Dinge auf einmal ist und das auch sein kann. Und natürlich ist das in Ordnung, man muss sich nicht in eine Schublade stecken lassen. Man kann zum Beispiel super sexuell sein und gleichzeitig super smart. Uns Frauen wird leider sehr oft vorgeworfen, dass nicht beides geht.

Ich habe dann lange nach einem Titel gesucht und saß dann im Studio, war heartbroken, aber gleichzeitig habe ich mich über mich selbst lustig gemacht. Immer wenn es mir schlecht geht, dann verwandelt sich die Stimmung bei mir in einen krassen Zynismus und Sarkasmus. Und ich saß dann in diesem Studio und war total verheult, aber gleichzeitig habe ich mich auch lustig gemacht über diese ganze Situation. Und dann ging mein Homie Chima (Anm. d. R. ein Frankfurter Musiker, der als Teil von Brothers Keepers mit Songs wie „Adriano (Letzte Warnung)“ bekannt wurde und 2012 mit „Morgen“ für Ohrwümer sorgte) an mir vorbei und meinte „Lary, so mag ich dich am liebsten, hart fragil.“ Für mich beschrieb dieser Satz diese beiden Gegensätze so gut, dass ich das übernommen habe.

„Man kann zum Beispiel super sexuell sein und gleichzeitig super smart. Uns Frauen wird leider sehr oft vorgeworfen, dass nicht beides geht.“

Lary

In deinen Songs hast du kein Problem damit, dich manchmal schwach zu zeigen. Wie ist das im echten Leben?

Im echten Leben fällt mir das schwerer, aber auch die Songs sind das echte Leben. Oder ein Teil meines echten Lebens. Das ist auf jeden Fall der Teil, wo es mir am leichtesten fällt, meine Stimmung rauszulassen. Ansonsten struggle ich da schon mit. Aber es ist schon besser geworden, da es mir jetzt bewusst geworden ist. Deswegen gehe ich oft bewusst in so eine Richtung, auch weil ich glaube, dass das total wichtig ist oder zumindest eine Facette an mir, die mir total gefehlt hat. Aber in der Musik fällt es mir definitiv am leichtesten.

Du hast in einem Interview mit Broadly gesagt, dass du zu keiner „The Female Future“-Geschichte mehr eingeladen werden willst. Warum nerven dich solche Veranstaltungen?

Ich finde die Veranstaltungen an sich gar nicht schlimm, sondern es ist nervig, wie krass der Feminismus kommerzialisiert wird. Das ist dadurch so leer geworden. Jeder springt auf und denkt sich, wenn er fünf Influencer einlädt, die alle aussehen wie Supermodels, kommt eine feministische Veranstaltung dabei raus, nur weil Frauen da sind. Das ist totaler Quatsch! Viele dieser Veranstaltungen bringen einfach nichts. Sie helfen nicht, sie tun nichts, sondern sie ziehen sich nur dieses Feminismus-Kleid an. Und das ist schade. Denn es gibt so viel zu tun und man könnte viel bewegen, wenn man sich etwas mehr Mühe gibt! Aber da haben die Leute gar kein Bock drauf, so weit wird gar nicht gedacht. Das nervt mich einfach.

Ich war auf solchen Veranstaltungen und hab mich gefragt: What the fuck am I doing here? Es werden immer wieder die gleichen Geschichten erzählt, es werden die gleichen Fotos geschossen, es sind wieder die gleichen Leute da und es ist nicht repräsentativ. Es bringt uns nicht weiter. Ich schaue danach trotzdem auf mein Instagram-Feed und denke mir, ich muss jetzt mal endlich ins Fitnessstudio. Dadurch wird sich nichts ändern.

Nerven dich Fake-Feministinnen?

Mich nervt eigentlich gar nicht irgendwer. Jeden, der sich dafür interessiert und sich engagieren will, finde ich schon mal super. Aber mich nervt, dass das so ausgeschlachtet wird. Das bringt uns nicht weiter.

Brauchen wir denn echte Feministinnen?

Auf jeden Fall! Wir brauchen Feministen generell. Das hat auch nichts damit zu tun, ob man Mann oder Frau ist.

Was ärgert dich als Musikerin und als Frau am meisten?

Ich finde es anstrengend, dass man, sobald man sexuell ist oder sich sexuell gibt oder dich mit irgendeiner Art von Sexulität befasst, automatisch nicht mehr so ernst genommen wird als Künstlerin. Auch intellektuell. Das ist aber etwas sehr Deutsches, das gibt es in anderen Ländern nicht so. In Deutschland ist es aber sehr extrem. Ich finde es auch mega geil, eine Frau zu sein. Man kann doch auch selbst seinen eigenen Körper lieben und sich darin wohlfühlen. Ich finde es bescheuert, dass nur Männer den weiblichen Körper so heroisieren dürfen und wir selbst aber nicht. Wenn wir das machen, sind wir gleich nuttig. Das ist doch total paradox. Auch eine Frau, die sich ihre Titten wer weiß wo hinschraubt, kann Doktorin sein.

„Ich finde es bescheuert, dass nur Männer den weiblichen Körper so heroisieren dürfen und wir selbst aber nicht.“

Lary

In deinem neuen Video zu „Sand“ spielen die Schauspielstars Frederick Lau und Sonja Gerhardt mit. Wie kam die Zusammenarbeit zustande?

Die Kooperation kam zustande, weil Frederick und ich befreundet sind und er auch ein guter Freund von meinem Freund ist. Und dann hat sich so ergeben. Er passte zu der Rolle. Ich wollte super gerne was mit Sonja Gerhardt machen, weil ich finde, dass sie eine tolle Schauspielerin ist. Und als klar war, dass sie das übernimmt, haben wir uns überlegt, wer den Counterpart übernehmen kann. Und dann war klar, es kann nur Freddy sein oder Moritz Bleibtreu. Ich wäre mit beiden zufrieden gewesen, aber Freddy hat es gemacht!

Ich rätsel schon eine Weile über die Message des Videos und des Songs. Was ist die Botschaft für dich?

Ich weiß gar nicht, ob es eine Botschaft gibt. Ich schreibe eigentlich keine Songs, um eine Botschaft zu vermitteln, wenn ich ehrlich bin. Meistens ist es eher eine total egoistische Intention, wenn ich schreibe. Es geht meist darum, zu taggen, was in mir vorgeht und wenn das dann für jemand anderen eine Botschaft übermittelt, dann freut mich das. Es ist aber nicht der Grundstein für mich. Und in dem Video wollten wir eine kleine Hommage an „Swimmingpool“ drehen. Und dann hat sich während des Drehs die Story verändert. Weil wir uns gedacht haben, dass es nicht immer zwei Frauen sein müssen, die sich um einen Mann streiten. Wieso können sich nicht mal Mann und Frau um eine Frau streiten? Wir haben das dann spontan umgedreht und das war cool.

Du gehst ab Anfang November auf Tournee. Was ist das Beste daran, vor so vielen Leuten auf der Bühne zu stehen?

Live zu singen ist das Beste am Job, weil es am ehrlichsten und am unmittelbarsten ist. Weil du die Möglichkeit hast zu zeigen, wie du es meinst. Wenn jemand dein Album hört, dann interpretiert jeder seine eigene Bedeutung da rein und das ist auch gut so. Aber wenn du auf der Bühne bist, dann siehst du den Künstler dazu und dann verstehst du das Gesamtpaket. Dann verstehst du ganz intuitiv, worum es geht und das finde ich an einer Live-Perfomance so gut. Musik ist eigentlich etwas, was man feiern sollte und was auch immer dazu da war. Und das ist leider sehr entrückt. Es ist nicht mehr so nahbar und die Liveerfahrung stellt das aber wieder her. Das mag ich.

Danke für das Interview, Lary!

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