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Interview

Marie Luise Ritter über das Alleinsein: „Seit ich 30 bin, ist mir noch mehr egal“

Alleinsein – für Marie Luise Ritter bedeutet das, ganz bei sich selbst zu sein, sich mit sich selbst verbunden zu fühlen und sein Leben nach seinen Vorstellungen gestalten zu können. Genau das musste die Content Creatorin und Autorin allerdings erstmal lernen, nachdem sie jahrelang entweder in festen Beziehungen war oder sich die Zeit mit Dates vertrieb.

Wie ist man eigentlich allein, was kann man dabei über sich lernen und würde es uns vielleicht allen gut tun, mehr Zeit mit uns selbst zu verbringen? Marie Luise Ritter hat im Sommer 2023 ein Buch über das Alleinsein geschrieben. In „Vom Glück, allein zu sein“ erzählt sie von ihren persönlichen Erfahrungen, ihren Solo-Trips und gibt ihren Leser*innen das Gefühl, dass es absolut magisch sein kann, allein zu sein. Im Interview hat sie uns verraten, was das Alleinsein mit ihr gemacht hat und wie man lernen kann, die Zeit mit sich selbst genauso wertzuschätzen wie die mit anderen Menschen.

desired: Du hast früher darüber geschrieben, wie gern du auf Dates gehst und heute schreibst du darüber, wie gern du allein bist – was genau ist in der Zwischenzeit passiert?

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Marie Luise Ritter: Ich habe einfach über das geschrieben, was mich gerade beschäftigt. Ich glaube, dass man verschiedene Phasen im Leben durchmacht und dass das Leben einem immer das hinwirft, was man vielleicht noch für sich lernen kann. Bei mir war das so, dass ich irgendwann gemerkt habe, ich date zwar total viel und habe Beziehungen geführt, aber dieses Alleinsein kann ich eigentlich gar nicht so wirklich. Für mich war das dann wie eine Aufgabe, mich mal damit zu beschäftigen. Bin ich eigentlich gern allein? Kann ich mich mit mir selbst beschäftigen? Bin ich vielleicht in Beziehungen, weil ich nicht allein sein kann?

Dass jemand nicht allein sein kann, wird häufig als Vorwurf benutzt. Wie denkst du darüber? Glaubst du, dass es wichtig ist, allein sein zu können und dass es vielleicht sogar ungesund ist, es nicht zu können?

Ich glaube, das ist schon eine Typsache. Nicht jeder kann gleich gut allein sein und nicht jeder wird dahin kommen, das total geil zu finden. Von daher würde ich das gar nicht so sehr als Vorwurf nehmen – bei manchen Menschen ist das halt so. Die können das halt nicht, die wollen das nicht, die sind gerne unter Menschen, die fühlen sich dann schnell einsam. Aber ich glaube, dass jeder so ein bisschen lernen kann, gerne mit sich Zeit zu verbringen und dass es auch jedem weiterhilft und guttut.

Kann man auch in einer festen Beziehung lernen, allein zu sein?

So richtig Alleinsein lernen kann man nur, wenn man wirklich allein ist, glaube ich. Klar kann man sich in einer Beziehung Zeit für sich nehmen und man kann auch was allein machen, aber so richtig allein ist man ja nie, weil man immer dieses Backup hat. Ich kann nochmal schnell jemanden anrufen und da ist jemand, der auf mich aufpasst oder mit mir in Kontakt ist. Deswegen finde ich es in einer Beziehung wirklich viel schwieriger zu lernen, allein zu sein.

Was hast du beim Alleinsein über dich gelernt?

Dass es für mich schon eine Challenge ist, dieses Alleinsein. Vor allem, wenn ich allein sein will, aber andere Menschen mit mir sein wollen. Also einfach dieses Bedürfnisse kommunizieren, Grenzen setzen, auch anderen Menschen vielleicht mal vor den Kopf stoßen, wenn man sagt, hey, ich möchte gerade meine Zeit lieber mit mir selbst verbringen. Das habe ich gelernt oder verbessert. Und ich habe gelernt, dass man Dinge nicht so persönlich nimmt. Wenn ein Mensch zum Beispiel sagt, für mich passt das gerade nicht, dich weiter zu daten – dass es keine Entscheidung gegen mich ist, sondern vielleicht eine Entscheidung für den anderen und dass es aus anderen Gründen nicht passen könnte. Ich glaube, wenn man gerne Zeit mit sich verbringt, hat man eine viel stabilere Basis und kann gelassener mit den Sachen umgehen, die einem das Leben so hinwirft. Und auch in Richtung Mut habe ich viel gelernt, würde ich sagen. Einfach auf mich selbst aufzupassen, Dinge allein zu machen, sie umzusetzen. Ich glaube, dass das Alleinsein einem sehr viel lehrt über sich, weil es einen ständig vor Aufgaben stellt.

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Apropos Dating: In deinem Buch erzählst du davon, dass du dir früher oft die klassischen Single Shaming-Fragen à la „Warum hast du keinen Freund?“ anhören musstest. Wie hast du es geschafft, dich von den Erwartungen anderer Menschen freizumachen?

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Indem ich mir eingestanden habe, dass das eine externe Sache ist, die auf mich drauf projiziert wird. Wenn zum Beispiel die Großeltern solche Sachen fragen, dann sind das deren Glaubenssätze, die sind in anderen Zeiten aufgewachsen – aber das hat mit mir eigentlich gar nichts zu tun. Ich glaube, der Schlüssel ist immer, dass man solche Sachen nicht so nah an sich ranlässt. Also klar, diese Erwartungen „Wann hast du eigentlich mal wieder einen Freund?“, „Warum bist du jetzt alleine?“ – das hat sowas Bemitleidenswertes. Aber muss es ja gar nicht haben und hat es für mich auch nicht. Wenn ich weiß, dass für mich gerade alles gut ist, kann mir das nichts anhaben.

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Wie antwortest du heute, wenn du solche Sprüche hörst?

Ich finde es immer gut, das umzudrehen. Wenn einer fragt „Wieso hast du keinen Freund?“, dann könnte man fragen „Wieso hast du einen? Wozu brauchst du den?“ Einfach, um aufzuzeigen, dass beide Lebensweisen gleich viel wert sind. Und ob man jetzt jemanden hat in seinem Leben oder nicht, ist letztendlich ja auch sowas wie Zufall. Manchmal ergibt es sich halt nicht und man lernt niemand Interessantes kennen. Ich würde immer spaßig, schlagfertig drauf antworten, um das so ein bisschen out zu callen und zu zeigen, dass es eigentlich eine komische Frage ist.

Du bist letztes Jahr 30 geworden – in deinem Buch schreibst du, dass diese Zahl für viele „eine magische Grenze zwischen der wilden Zeit des Ausprobierens und Haus-Mann-Kind“ zu sein scheint. Wie siehst du das? Hat sich für dich mit der 30 etwas verändert?

Für mich hat sich durch die Zahl nichts verändert. Ich glaube, bevor man 30 ist, denkt man, das verändert alles – aber wenn man dann 30 ist, merkt man, dass sich irgendwie gar nichts verändert hat. Also zumindest nicht so, dass ich jetzt denke, ich brauche Haus, Mann und Kind. Aber ich finde, dass man ab 30 eine andere Art von Gelassenheit hat, was sowas angeht. Solche Fragen, andere Leute, die sich vielleicht in dein Leben einmischen, die dazu diese komischen Kommentare abgeben – ich habe mich da in meinem 20ern angreifbarer gefühlt und seit ich 30 bin, ist mir noch mehr egal. Ich bin noch viel mehr in mir ruhend und das finde ich eigentlich ganz schön.

Im September warst du zu Gast bei einem Panel-Talk der Dating-App Tinder und hast davon erzählt, dass du das Slow Dating für dich entdeckt hast. Wie genau funktioniert das für dich und wie haben sich deine Dating-Muster verändert?

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Ich date jemanden seit vielen Monaten und irgendwie finde ich das ganz schön, es ganz lange bei dieser Dating-Phase zu belassen. Also dass es klar definiert ist – Vorstellungen, Exklusivität und so weiter –, aber dass man’s einfach slow angeht. In meinen 20ern war ich immer super schnell unterwegs, was ja auch so ein Großstadt-Ding ist, und habe mehrere Leute die Woche getroffen. Da habe ich einfach gemerkt, dass man sich gar nicht wirklich auf jemanden einlassen kann und auch nicht so richtig bei der Sache ist. Und irgendwie finde ich das total schön, da das Tempo rauszunehmen und es nicht so schnell in dieses Beziehungslabel zu drängen. Es gibt keinen Stress, es gibt keine Hektik und keinen Druck, dass man jetzt irgendwo sofort hinkommen muss.

„Stell dir einfach vor, du bist die Protagonistin in deinem eigenen Film“ – das ist der beste Tipp, den du je für das Alleinreisen bekommen hast. Hast du ein paar Tipps parat, wie man das Alleinsein generell lernen kann?

Im Alltag und in der eigenen Wohnung hilft es total, dass man Aktivitäten oder Zeit mit sich selbst genauso wertschätzt wie Zeit mit anderen. Zum Beispiel dieses Kochen-Beispiel: Wenn ich für mich alleine koche, werfe ich schnell irgendein Nudelgedöns in die Pfanne und mache mir keine Mühe und wenn ich für jemanden koche, gebe ich mir Mühe. Und ich finde, das kann man auch lernen, dass man sich für sich selbst genauso viel Mühe gibt. Diese Wertschätzung ist voll der Gamechanger. Wenn man das Alleinsein in seinem Kopf anders bezeichnet und es quasi romantisiert, ändert das direkt alles. Nicht „Ich koch mir schnell irgendwas“, sondern „Ich koch mir was schönes“. Nicht „Ich gehe schnell zum Sport“, sondern „Ich habe ein Me-Time-Date mit mir selbst“.

Und wenn man allein draußen unterwegs oder auf Reisen ist?

Indem man in seinem Kopf auflöst, dass man von der Welt beobachtet wird – weil das wird man meistens gar nicht. Man fühlt sich ja oft irgendwie beobachtet: Ich bin alleine in einem Restaurant, alle merken, dass ich hier gerade alleine bin und alle gucken mich an und wissen, dass ich niemanden habe. Das sagen mir zumindest viele, dass sie Angst haben, was Leute über sie denken. Aber über dich denkt niemand nach und wenn, dann denken die vielleicht ‚Wie cool, dass sie da allein ist‘ oder so. Dieses ganze Gesellschaftliche, diese ganzen Glaubenssätze, dieses ganze Externe muss man auflösen und einfach nur in sich sein. Backup-Pläne sind dabei immer hilfreich, wie ein Buch dabei haben oder was zum Schreiben, ein Tagebuch, eine Zeitschrift – wie auch immer –, damit man sich beschäftigen kann. Und dass man sich einfach überlegt, was man gerne macht. Was macht mir Spaß, was sind meine Bedürfnisse, wie verbringe ich gern meinen Tag, wenn niemand zusieht? Dann kann man sein Alleinsein schön gestalten.

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Bildquelle: Marlena Brinkmann

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