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Schluss mit der Doppelmoral: Body Positivity muss auch nach Schönheits-OPs gelten!

Kommentar

Schluss mit der Doppelmoral: Body Positivity muss auch nach Schönheits-OPs gelten!

Schönheits-Operationen fördern unrealistische Schönheitsideale, zeugen von Eitelkeit und sind einfach nur fake: So dachte ich lange über kosmetische Eingriffe, die medizinisch nicht notwendig sind. Kein Wunder, denn heutzutage gilt mehr denn je das Ideal der vermeintlich natürlichen Schönheit. Doch wie können wir auf der einen Seite das Recht auf körperliche Selbstbestimmung propagieren, wenn wir andererseits Body Shaming gegen Frauen betreiben, die sich Brustimplantate einsetzen oder die Lippen aufspritzen lassen? Body Positivity kann nur verwirklicht werden, wenn wir aufhören, Schönheits-OPs zu verurteilen – mehr noch: Erst wenn wir offen mit dem Thema umgehen, können wir jungen Menschen beibringen, wie unrealistisch die meisten Körperideale sind.

Warum werden Schönheits-OPs verheimlicht?

Schönheits-Operationen sind in unserer Gesellschaft weder illegal noch ein völliges Tabuthema. Sie erleben sogar einen wahren Hype: Während sie früher nur den „Schönen und Reichen“ vorbehalten waren, lassen sich heute schon Minderjährige Lip Filler verpassen. Obwohl diese Eingriffe aber oft deutlich als solche erkennbar sind, liegt über ihnen ein Schleier des Schweigens. Nicht nur Promis flunkern in Interviews, wenn es darum geht, welche Eingriffe sie vorgenommen haben, auch im privaten Umfeld wird nur hinter vorgehaltener Hand darüber gesprochen. Diese Erfahrung mache ich in letzter Zeit mit Anfang 30 immer häufiger: Meine befreundeten Altersgenoss*innen gestehen mir oft erst unter vier Augen und im betrunkenen Zustand, dass sie sich Botox spritzen lassen oder über eine Brust-OP nachdenken. Diese Geständnisse haben mich nachdenklich gemacht: Warum muss um kosmetische Eingriffe so ein Geheimnis gemacht werden – selbst unter Freunden, die sonst einen sehr offenen Umgang miteinander pflegen? Warum brauche ich einen medizinischen Vorwand, wie etwa Rückenschmerzen für eine Bruststraffung oder Atemprobleme für eine Nasenkorrektur?

Tattoos sind ok, aber Botox nicht?

Wenn mir Freunde oder Familienmitglieder bisher gestanden haben, eine Schönheitsoperation in Erwägung zu ziehen, war ich immer diejenige, die sie davon abbringen wollte. Mich machte der Gedanke traurig, dass diese Person sich nicht so akzeptieren konnte, wie sie ist. Noch dazu gefiel mir der Gedanke nicht, dass sie hinterher komplett anders und entstellt, gar unnatürlich, aussehen könnte. Mittlerweile halte ich diese Haltung für ziemlich engstirnig und naiv. Wer bin ich, um über die äußerliche Gestaltung von Körpern anderer zu urteilen? Habe ich mich schließlich nicht auch schon furchtbar über meine konservative Mutter aufgeregt, die mir meine Piercings und Tattoos verbieten wollte? Warum verurteile ich dann Nasenkorrekturen, Botox und Brust-Implantate?

Krass! Beauty-OPs und Soziale Medien: Essays über Instagram, Facebook und YouTube
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Verstoßen Eingriffe gegen die Spielregeln der „natürlichen Schönheit“?

Die Forderung der Body Positivity-Bewegung, sich so zu akzeptieren, wie man von Natur ist, mag zwar erstmal begrüßenswert klingen, sie macht es sich aber zu einfach. Es ist schließlich leicht, körperliche Selbstliebe zu propagieren, wenn man selbst – bis auf ein paar kleine Makel – den vorherrschenden Schönheitsnormen entspricht. Ich selbst sehe zwar ganz sicher nicht aus wie ein Victoria's Secret-Model, habe aber durch das Glück, ein recht symmetrisches Gesicht zu haben. Ich profitiere von dem, was man als „Pretty Privilege“ bezeichnet: dem Privileg, von Geburt an, dem gängigen Schönheitsideal mehr oder weniger zu entsprechen. Von meiner hohen Warte aus lässt sich natürlich leicht über Menschen urteilen, die sich operativ verschönern lassen. Es ist nicht schwer zu verkünden, selbst nie etwas an seinem Gesicht operieren lassen zu wollen, wenn man eben keine schiefe Nase, schmale Lippen oder Segelohren hat. Nicht dass ich all diese Merkmale per se als hässlich empfinde. Tatsächlich sind in meinen Augen Menschen mit prägnanten Gesichtsmerkmalen häufig attraktiver. Dennoch möchte ich nicht mehr über andere urteilen, die mit ihrem Äußeren unzufrieden sind. Es geht schließlich nicht darum, mir zu gefallen, sondern nur sich selbst. Und wenn das damit erreicht werden kann, sich unters Messer zu legen, kann ich inzwischen nur noch sagen: Go for it!

Beauty-Ops, um nicht der Norm zu entsprechen

Keine Frage, ich finde die Ergebnisse vieler sogenannter Beauty-OPs alles andere als schön. Gerade bei jungen Mädchen muss ich oft den Kopf darüber schütteln, wie sie sich in meinen Augen mit riesigen Lash Extensions, aufgespritzten Lippen und Gelnägeln verunstalten. Meinen Geschmack trifft es ganz sicher nicht. Ich halte es aber für inkonsequent, mich einerseits über Feministinnen zu beschweren, die Schminken für einen patriarchalen Akt halten, andererseits aber Frauen mit Silikonbrüsten ein schlechtes Selbstbewusstsein oder eine Körperwahrnehmungsstörung zu unterstellen. Ganz sicher gibt es so etwas wie eine Sucht nach Schönheits-OPs (ähnlich wie auch eine Tattoo-Sucht), aber man sollte auch in Erwägung ziehen, dass es sich bei operativen Eingriffen in den meisten Fällen um selbstbestimmte Entscheidungen handelt. Insbesondere Personen, die sich extremen Veränderungen unterziehen, wollen meist gar nicht dem vorherrschenden Schönheitsideal entsprechen. Sie sind oft Rebellen, die ganz bewusst wie Barbie-Puppen oder Comicfiguren aussehen wollen.

Body Positivity ist schon seit Jahrzehnten ein Thema. In diesem Video erklären wir euch die Ursprünge der Bewegung:

Eine Gesellschaft, die Diversität feiert, sollte daher unbedingt auch extreme Schönheits-OPs nicht vorschnell als ein Einknicken gegenüber Schönheitsidealen interpretieren – häufig ist das Gegenteil der Fall. Um mit riesigen Silikonbrüsten und Schlauchbootlippen auf die Straße zu gehen, bedarf es ganz sicher eines ausgeprägten Selbstbewusstseins, denn der Norm entsprechen sie ganz sicher nicht. Ich habe inzwischen sogar ziemlichen Respekt vor solchen Menschen, da sie die Eingriffe eben nicht verstecken, wie es die Gesellschaft fordert. Es erschließt sich mir nämlich nicht mehr, warum optische Veränderungen durch Zahnbleaching, Microblading und Tattoos mittlerweile als akzeptiert gelten, die Mehrheit aber über operative Eingriffe urteilt. Das, was insbesondere in den letzten Jahren unter dem Deckmantel von Body Positivity und natürlicher Schönheit propagiert wird, ist eine Illusion. Bin ich noch natürlich schön, wenn ich mir die Haare frisiere, mich schminke, Anti-Aging-Creme verwende oder Kleidung trage, die meine Figur vorteilhaft betont? All dies sind schließlich ebenfalls künstliche, nicht Natur gegebene Modifikationen.

Was ist aus „My body, my choice“ geworden?

Obwohl sich viele Feminist*innen damit brüsten, für ein Recht auf die Selbstbestimmung des eigenen Körpers zu kämpfen, gilt dies oft nicht beim Thema Schönheits-OPs. Operierte Promi-Frauen wie etwa Kylie Jenner oder Cardi B werden oft als Negativbeispiele angeprangert, die in ihrer Vorbildfunktion schuld an den Komplexen junger Mädchen seien. Hier schwingt oft der Vorwurf mit, dass diese mit unfairen Mitteln arbeiten. Dabei ist Schönheit ohnehin immer unfair: Wir können alle nichts dafür, mit welchem Knochenbau oder Gesichtssymmetrie wir auf die Welt kommen. Wer hier nachhilft – sei es mit Make-up oder einer Beauty-OP – schummelt nicht, sondern transformiert selbstbestimmt den eigenen Körper. Das Leben ist schließlich kein Schönheitswettbewerb mit Regeln, an die sich jeder halten muss. Wer sich optisch verändern will, ob vorübergehend oder dauerhaft, sollte das auch tun können. Sicher muss nicht jeder das Ergebnis schön finden, es sollte aber auch niemanden wirklich jucken. Anstatt also von Promis und Influencern zu fordern, sich aus Rücksicht ihrer jungen Fans nicht unters Messer zu legen, sollten wir Kindern und Jugendlichen besser beibringen, dass die Optik anderer keinen Einfluss auf ihr eigenes Leben haben sollte. Das ist zwar leichter gesagt als getan, aber in meinen Augen die einzige Lösung, um für Body Positivity und Diversität gleichermaßen einzustehen.

Ein offener Umgang mit Schönheits-Ops bedeutet auch, darüber zu sprechen zu können, wenn man Eingriffe bereut:

34 Stars, die ihre Schönheits-OP richtig bereut haben

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Ein offener Umgang führt langfristig zu weniger Komplexen

Keine Frage, den eigenen Körper mit all seinen Makeln akzeptieren zu lernen, ist nicht nur die einfachere, sondern auch günstigere Lösung. Operativ nachzuhelfen sollte aber nicht als Einknicken gegenüber patriarchalen Schönheitsidealen interpretiert werden. Auch den Vorwurf der Eitelkeit halte ich für ziemlich unverschämt: Fast jeder Mensch ist in seiner Art eitel – nur wird mit allen Mitteln so getan, als würden wir von Natur aus so schön sein, wie wir sind. Wir alle helfen gerne mal etwas nach und das ist auch völlig okay, solange dies aus eigenem Wunsch passiert. Je ehrlicher wir mit dieser Tatsache umgehen, desto eher können wir auch verhindern, dass Menschen mangels offener Aufklärung auf dubiose Anbieter von Schönheits-Ops hereinfallen, aber noch viel wichtiger: Wenn alle Menschen aufhören würden, ihre Beauty-Eingriffe zu verleugnen, würde dies einen wichtigen Beitrag leisten, um zu erkennen, wie schwer viele Schönheitsideale tatsächlich erreichbar sind. Tun wir hingegen weiterhin so, als wären eine faltenfreie Haut im Alter auch mit Cremes und straffe große Brüste mit etwas mehr Sport realisierbar, bereiten wir weiterhin vielen Menschen unnötig körperliche Komplexe.

Bildquelle:

Getty Images/yacobchuk

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