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Interview

Darum wird deutschlandweit zum Klauen aufgerufen

Darum wird deutschlandweit zum Klauen aufgerufen

In Deutschland könnte es bald vermehrt zu Ladendiebstählen in großen Supermärkten kommen. Zumindest, wenn tatsächlich Menschen dem Aufruf „Deutschland geht Klauen“ der Berliner Aktivistengruppe Peng! folgen. Dahinter steckt der Protest gegen Menschenrechtsverletzungen, die bei der Herstellung von Waren wie Kaffee, Schokolade oder Tomaten in Kauf genommen werden. Aber kann man auf diese Weise wirklich etwas erreichen und heiligt der Zweck alle Mittel? Ich habe mir die Sache von einem Peng!-Aktivisten genauer erklären lassen.

Ladendiebstahl für den guten Zweck

Keine Frage, der Aufruf von Peng! ist keine gewöhnliche Aktion, weil hier wirklich ganz ungeniert zu einer Straftat aufgerufen wird. Die Gruppe, die schon in den letzten Jahren durch Aktionen wie dem Telefonterror bei Vermietern oder der Verleihung eines Friedenspreises an einen Waffenhersteller von sich Reden gemacht hat, legt nun noch eine Schippe drauf: Jeder soll ab sofort bei großen Supermärkten wie Rewe, Edeka, Aldi und Lidl bestimmte Lebensmittel klauen. Hinterher kann dann der Kaufbetrag über die Webseite direkt an die Gewerkschaften und NGOs bezahlt werden, die in den Ursprungsländern für die Rechte der Arbeiter und Produzenten eintreten.

Das Ganze wurde in eine humorvoll und harmlos wirkende Kampagne verpackt: Im Aktionsvideo zeigt eine Frau im Waschbärenkostüm, wie man ganz einfach mit geklauten Waren aus dem Laden spazieren kann:

Bestimmte Produkte sollen geklaut werden

peng klauen
Wein von Aldi steht auf der Klau-Liste.

Für die Kampagne wurde eine Auswahl an Produkten getroffen, bei deren Herstellung laut der Aktivisten unfaire Bedingungen herrschen: Kaffee, Schokolade, Bananen, Tee, Tomaten, Wein, Orangensaft und Blumen. Mit einem Klick auf das Produkt kann man den eigentlichen Kaufbetrag spenden und einsehen, bei welchen Organisationen das Geld genau landet. Das hat schon etwas von Robin-Hood-mäßiger Selbstjustiz, die laut Peng! allerdings notwendig ist, weil die Politik nicht wirklich etwas unternimmt. Konkret kritisiert die Aktion den sogenannten „Nationalen Aktionsplan Wirtschaft und Menschenrechte“ der deutschen Bundesregierung. Dieser soll Unternehmen wie Supermärkte zu mehr Verantwortung bewegen, beruht jedoch auf Freiwilligkeit und wird damit in den Augen der Aktivisten nicht wirklich etwas verändern.

Peng! liefert die Anleitung zum Diebstahl

Das Kollektiv geht sogar so weit, Tipps für einen gelungenen Ladendiebstahl zu liefern. In einem Youtube-Video machen Cartoon-Waschbären vor, wie man auf verschiedene Art und Weise Waren entwenden kann. Die einzige Bitte von Peng!: Man solle nur bei den großen Supermarktketten Lidl, Edeka, Rewe und Aldi klauen und nicht etwa im kleinen Tante-Emma-Laden um die Ecke.

Aber Vorsicht: Diebstahl bleibt immer noch eine Straftat! Auch wenn die Kampagne Ladendiebstähle für den guten Zweck rechtfertigen, musst du alleine mit den Konsequenzen wie Geldbußen oder Gefängnisstrafen leben, wenn du bei der Aktion mitmachst. Peng! hat sich zwar laut Spiegel Online bereits mit Anwälten gegen eventuelle Klagen der Supermärkte abgesichert, wird Aktivisten aber nicht finanziell unterstützen können, wenn sie erwischt werden.

Ein harmloses Bagatelldelikt?

Peng Ladendiebstahl
Klauen für die Menschenrechte: Ist das wirklich so einfach?

Mit dem Aufruf zum Ladendiebstahl sorgt die Gruppe natürlich für Empörung. Kann Selbstjustiz wirklich eine Lösung sein, nur weil die Politik nicht die Maßnahmen trifft, die man gerne hätte? Ich konnte mit einem Aktivisten von Peng! einige unbeantwortete Fragen klären. Weil bei „Deutschland geht Klauen“ zu einer Straftat aufgerufen wird, treten alle Aktivisten derzeit unter dem kollektiven Pseudonym Gil Schneider auf, um ihre Anonymität zu wahren.

Im Gespräch mit dem Aktivisten merke ich ihm seinen Enthusiasmus sofort an. Bevor ich überhaupt genauer danach fragen kann, ob denn ein Diebstahl wirklich zu rechtfertigen ist, erklärt Gil Schneider schon von sich aus, dass Klauen für ihn hier das kleinere Übel ist:

„Wir stehen vor Bananen und dann soll der Konsument entscheiden, ob er die Fair-Trade-Banane kauft oder die andere. Jetzt ist die Fair-Trade-Banane gerade ein bisschen grüner und dann überlegt man. Auf der Grundlage werden in Deutschland täglich Menschenrechte verhandelt, aber Menschenrechte sind nicht verhandelbar. Das ist eine Logik, die wir einfach so annehmen. Das wird nicht mit so einer Inbrunst kritisiert, wie ein Bagatell-Ladendiebstahl. Ich hoffe, dass da die Diskussion noch in Fahrt kommt.“

Erste Erfolge trotz großer Kritik

Gil Schneider erzählt mir auch von den vielen negativen Kommentaren auf sozialen Netzwerken. Er könne dabei zwar nachvollziehen, dass die Aktion die Gemüter erregt, wünscht sich aber, dass mehr Menschen ihre Wut in eine andere Richtung lenken würden:

„Das ist voll okay, dass sich die Leute über uns aufregen. Das sollen die bitte tun. Über diese Rampe sollen die ja dann auch ihr Herz öffnen und sagen: Wenn ich mich so sehr über Ladendiebstahl aufregen kann, kann ich mich dann auch über Menschenrechtsverletzungen aufregen? Und wenn die das nicht können, ist das ehrlich gesagt sehr bigott.“

Trotz der Kritik in sozialen Netzwerken erhalte die Kampagne auch viel Zuspruch – allerdings meist in Form von E-Mails, da sich die Wenigsten öffentlich zu Ladendiebstählen bekennen wollen. Ich wollte von dem Aktivisten wissen, ob dabei denn wirklich eine nennenswerte Summe zusammenkommt:

„Es ist auch schon Geld reingekommen, bis jetzt etwa 300 bis 400 Euro. Ob die von geklauten Geldern sind oder einfach nur so gespendet wurden, wissen wir natürlich nicht. Und das wollen wir auch gar nicht überprüfen.“

Das scheint dem Aktivisten allerdings noch lange nicht zu reichen:

„Ich persönlich hoffe sehr, dass das eine Massenbewegung wird, die dazu führt, dass in ganz Deutschland in jeder Stadt massenweise Menschen klauen gehen und man dann einfach merkt: Wir haben den Konsumenten die Macht übergeben und die Menschen haben die Verantwortung ergriffen, im wahrsten Sinne des Wortes.“

Was ist mit den Supermarktmitarbeitern?

Doch kann das wirklich gut gehen, wenn in manchen Läden plötzlich massenweise geklaut wird? Auf meine Frage, ob denn nicht auch die Mitarbeiter einer Supermarktfiliale für den entstandenen Schaden büßen könnten, pflichtet Schneider mir bei:

„Ja sicher, das ist immer ein Problem, auch bei großen Kampagnen. Ich war auch bei Greenpeace-Aktionen dabei und da hat der Security, der mich nicht erwischt hat, als ich aufs Atomkraftwerk gegangen bin, Ärger bekommen. Das ist immer sehr, sehr ärgerlich. Ja in der Tat, das kann man sagen: ein Schwachpunkt der Aktion.“

Das ist mal wirklich eine ganz schön strittige Kampagne! Wenn du mehr über die Aktion wissen willst, kannst du dich auf der umfangreichen Homepage von „Deutschland geht Klauen“ schlaumachen. Ich bin auf jeden Fall gespannt darauf, was du von der Aktion hältst. Kannst du die Beweggründe nachvollziehen oder sollte man lieber versuchen, auf andere Art und Weise fair und nachhaltig zu konsumieren? Diskutiere mit mir in den Kommentaren!

Bildquelle:

Ariel Levin

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