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Kommentar

Warum ich bei #notheidisgirl die Augen verdrehe

Nina Rölleram 06.10.2017

Es ist mal wieder so weit: Pünktlich zur Ankündigung der 13. Staffel von Germany’s Next Topmodel, die ab Februar 2018 ausgestrahlt wird, regt sich Kritik am Format. Diesmal sind es nicht barbusige Femen-Aktivistinnen, die die Bühne stürmen, sondern Tausende Frauen, die unter dem Hashtag #notheidisgirl Protest-Selfies posten. Warum mich diese Form der Kritik langweilt und ich absolut nicht dafür bin, GNTM abzusetzen, erfährst du hier.

Keine Lust auf #ichbinGNTM2018

Obwohl die neue Staffel von Germany’s Next Topmodel noch nicht einmal angelaufen ist, regt sich im Netz derzeit eine große Protestwelle. Der Hashtag #notheidisgirl wurde als direkte Reaktion auf ein Instagram-Video von Heidi Klum ins Leben gerufen. In diesem fordert sie junge Frauen dazu auf, sich über Instagram-Selfies für die kommende Staffel zu bewerben.

Unter dem geforderten Hashtag #ichbingntm2018 finden sich fast zwei Monate später bereits über 5.000 Posts. Allerdings wird beim Durchscrollen der Einträge sofort klar, dass sich darunter kaum Frauen finden, die den Titel „Germany’s Next Topmodel 2018“ einheimsen wollen. Stattdessen nutzen viele von ihnen zusätzlich den Hashtag #notheidisgirl und halten Pappschilder mit unmissverständlichen Botschaften in die Kamera.

Auf den Schildern prangt der Hashtag #notheidisgirl und darunter haben die Frauen persönliche Begründungen verfasst, warum ihnen die Model-Show gegen den Strich geht. Da heißt es zum Beispiel: „Weil es einfach nur krank ist, Frauen so auf Schönheit zu trimmen! (Und Heidis Ernährungstipp direkt aus der Hölle kommen)“ oder „…weil mich so viel mehr ausmacht as meine Bodymaße! F**K BODYSHAMING“. Anstatt anmutiger Modelposen präsentieren sich die Protestlerinnen lieber im Schlabberlook, beim Pizza Essen oder zeigen ihre nackten Körper, die nicht den gängigen Modelmaßen entsprechen.

Wer hinter der Kampagne steckt

Die Idee, Heidis Aufruf zu kapern und Instagram mit Protest-Selfies anstelle von Bewerbungsfotos zu überfluten, kommt von einer kleinen feministischen Gruppe namens Vulvarines. Dahinter stecken Aktivistinnen aus Mönchengladbach, die sich gegen das Propagieren gesellschaftlicher Schönheitsideale starkmachen. Bei der #notheidisgirl-Aktion soll es laut eines aktuellen Facebook-Posts nicht darum gehen, Heidi Klum oder die Teilnehmerinnen der Show persönlich anzugreifen:

Unsere Wut gilt nicht den Teilnehmer*innen von GNTM und auch nicht der Privatperson Heidi Klum, sondern gleichsam diesem Format, wie auch einer Gesellschaft, die Frauen* vorschreibt, was Schönheit ist. Wir lassen uns nicht für ein „wir gegen sie“ instrumentalisieren. Wir sind für Vielfalt! #notmycompetition

Vulvarines, Facebook-Post vom 2.Oktober 2017

Kritik an GNTM: Ganz was Neues…

Femen GNTM

Zum Finale von GNTM stürmten schon 2013 FEMEN-Aktivistinnen die Bühne.

Trotz dieser Klarstellung habe ich Einiges an der #notheidisgirl-Kampagne auszusetzen. Als ich das erste Mal davon las, dass sich schon wieder eine Kritikwelle gegen GNTM im Netz anbahnt, konnte ich einfach nur die Augen verdrehen – und das nicht etwa, weil ich ein Fan dieser Show wäre. Ganz und gar nicht: Ich habe das umstrittene TV-Format in meinem Studium selbst schon minutiös auseinandergenommen und für die darin propagierten Ideale heftig kritisiert. Nun sind seitdem aber ein paar Jahre vergangen. Nicht nur ich habe mich geistig weiterentwickelt, auch die Medienlandschaft hat sich verändert.

Kritik an GNTM zu üben gehört mittlerweile zum Standardrepertoire jedes Magazins, das sich einen medienkritischen und feministischen Anstrich verpassen will. Gefühlt findet doch irgendwie jeder diese Sendung ganz fürchterlich: Heidis hohe Stimme wird in Artikeln mindestens so sehr kritisiert wie die Tatsache, dass es in dieser Show darum geht, junge Frauen nach ihrem Aussehen zu beurteilen. Und das in einer Sendung, in der es darum geht, hübsche Werbegesichter zu finden – ja, ist es denn zu fassen!?

Eine bessere Gesellschaft ohne GNTM?

Auch in der aktuellen Kampagne geht es nicht um einzelne Aussagen oder Vorkommnisse in der Sendung, sondern gleich um das große Ganze: Eine Fernsehsendung, in der Frauen anhand ihrer Äußerlichkeiten bewertet werden, gehört abgesetzt. Auch Nora Tschirner forderte bereits nichts Geringeres als ein Verbot der Show. Auch wenn ich mich selbst als Feministin erachte, kann ich nicht so recht fassen, dass es das ist, was andere Frauen derzeit unter feministischer Kritik verstehen. Da wird so viel Energie darauf verschwendet, das Verbot eines Trash-TV-Formats zu fordern, als würde man auf diese Weise eine Gesellschaft schaffen können, die frei von Schönheitsidealen ist.

Nicht vergessen: Es geht hier um Models!

So wie ich die #notheidisgirl-Aktion interpretiere, fordern die Selfie-Aktivistinnen, dass es keine Fernsehsendung geben darf, in der das äußere Erscheinungsbild zum Bewertungskriterium wird. Natürlich wird es einige junge Mädchen geben, die GNTM als Thinspiration für ihre Magersucht verwenden. Doch ist das wirklich die Schuld des TV-Formats? Es ist ja nicht so, als würde Heidi Klum darin den Anspruch erheben, vorzuschreiben, wie jede Frau gefälligst auszusehen habe. Es klingt so banal, aber es geht in dieser Sendung doch unmissverständlich darum, Frauen zu casten, die den Beruf des Models anstreben und nicht um eine allgemeine Lebensberatung für die junge Frau von heute.

Die Teilnehmerinnen verkörpern nicht den Durchschnitt.

Selbstverständlich werden den Kandidatinnen dann Körpermaße und ein gewisses Durchhaltevermögen abverlangt, die nicht dem gesellschaftlichen Durchschnitt entsprechen. Alles andere wäre schließlich auch keine gute Unterhaltung. Man stelle sich mal eine Sendung vor, die den Ansprüchen der #notheidisgirl-Aktivistinnen entsprechen würde: Eine Auswahl an Kandidatinnen wäre schlichtweg nicht möglich, weil nach ihrem Weltbild schließlich jeder Mensch gleich schön ist und es eh verboten sein sollte, Frauen nach ihrem Aussehen zu bewerten.

Zugegeben, das war etwas polemisch, aber man sollte sich doch fragen, ob es wirklich nötig ist, derartige Erwartungen an eine Unterhaltungssendung zu stellen. Auch wenn ich mir diesen Schund ganz sicher nicht ansehen werde, kann GNTM meinetwegen noch weitere zehn Staffeln lang laufen. Ich rege mich derweil lieber über sexistische Gesellschaftsstrukturen auf, die Frauen tatsächlich in ihrem Leben beeinträchtigen.

#notheidisgirl langweilt mich

Wie du merkst, kann ich mich wirklich nicht mit der aktuellen Empörungswelle identifizieren. Neben dem Problem, dass ich in einer Verbotsforderung sehe, muss ich auch sagen, dass mich diese Form des Aktivismus einfach nur noch langweilt. Bedeutet Feminismus mittlerweile, sich mit Kalendersprüchen à la „Wir sind alle schön!“ und „Nur die inneren Werte zählen“ auf einem Pappschild abzulichten? Dieses naive Body-Positivity-Gerede bereitet mir inzwischen so viel Fremdscham, dass ich mich von dieser Form des Feminismus klar distanzieren möchte.

Was ist schon progressiv daran, Selfies mit dem Hashtag #notheidisgirl zu posten, wenn eh klar ist, dass niemand diese Sendung wirklich ernst nimmt? Meiner Meinung nach ist das ähnlich sinnfrei, wie sich auf Facebook ein „AfD wähl ich nicht!“-Rahmen aufs Profilbild zu klatschen, wenn eh klar ist, dass das eigene Umfeld eher politisch links ausgerichtet ist. Wer das für sinnvoll hält, kann das natürlich tun, sollte sich aber fragen, ob es dabei nicht mehr um Selbstdarstellung als tatsächliche Kritik oder gar Aktivismus geht.

Stimmst du mir zu oder findest du, dass ich zu hart mit den #notheidisgirl-Aktivistinnen ins Gericht gegangen bin? Ich diskutiere gerne mit dir in den Kommentaren!

Bildquelle:

Getty Images/Thomas Lohnes, Getty Images/Ralf Juergens, Getty Images/Thomas Lohnes, Getty Images/Ralf Juergens


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